Wenn jemand deinen Blog 'Mehr als Grünzeug' noch nicht kennt - Wie würdest du ihn kurz und knapp beschreiben?
Was findet man dort?

Man findet Artikel, Inspirationen und Bilderstrecken zum nachhaltigen Leben, Gedanken, Metagedanken, Philosophisches, Outfitinspirationen und so weiter – also alles, was mit nachhaltigem Leben zu tun hat. Alles, was mich gerade beschäftigt. Auch und besonders, was die nachhaltige Millennial-Szene angeht. „Millennial“ vielleicht in Klammern, aber was eben die Leute dieser Generation so beschäftigt. Ich merke immer wieder, dass ich doch sehr bestimmte Generationen vertrete und viele von deren Diskursen aufgreife und dann verarbeite.

Seit wann beschäftigst du dich schon
mit dem Thema Nachhaltigkeit?

Ziemlich genau seit August 2015. Ich bin vorher schon darauf gekommen, weil ich in einer Clique unterwegs war, im Abitur, die relativ links-öko ausgerichtet war. Die sind schon immer auf Demos gefahren, haben dafür die Schule geschwänzt und so weiter. Mehr oder weniger Fridays for Future haben wir da damals gemacht. Wir waren dann auch alle vegetarisch, einige haben Veganismus ausprobiert, sind wieder zurück und so weiter. Man hat sich herangetastet und experimentiert in verschiedenen Feldern. Aber dass ich gesagt habe, ich gehe jetzt in die Tiefe und arbeite jedes Feld richtig ab und beschäftige mich mit allem… Das ist tatsächlich erst seit 2015 der Fall.

Gab es einen entscheidenden Moment?

Ja, es gab aber tatsächlich  einen entscheidenden Moment. Und zwar habe ich „Tiere essen“ von Foer gelesen. Vorher war ich sieben Jahre lang vegetarisch, aber dann habe ich über Nacht gesagt: Ich werde jetzt vegan, ich kann das nicht mehr. Die Milchindustrie ist nicht besser, Kükenschreddern ist auch nicht gut und das konnte ich mit meinem philosophischen Background nicht mehr vereinen. Später kamen dann auch die entsprechenden Uni-Seminare zum Thema Tierethik dazu, aber der beschriebene Moment hat mir gezeigt, dass mein moralisches System nicht so ganz auf einer Linie war. Damit konnte ich nicht leben. Am nächsten Tag bin ich zur Tafel gegangen und habe meine Tierprodukte gespendet. Ich musste der Welt das dann alles erzählen, dass ich so viel gelernt, und jetzt einen Schalter umgelegt habe.

DU HAST GESAGT, DASS DU DAS GEFÜHL HAST MIT DEINEM BLOG EINE BESTIMMTE Generation WIDERZUSPIEGELN.
DENKST DU, DASs SIE eine Sonderrolle im Nachhaltigkeits-diskurs einnimmt, EIN BISSCHEN WIE "ZWISCHEN DEN WELTEN"?

Ich finde das sehr schwierig. Ich habe oft das Gefühl, dass ich viel zu spät aktiv geworden bin. Wenn ich auf Demos gehe, dann laufen da 10-Jährige mit Megaphonen neben mir und intonieren krasse Slogans. Die wissen ganz genau, was sie tun und sagen. Ich denke dann: Mit 10 war ich ganz woanders. Ich habe echt ein schlechtes Gewissen. Vielleicht ist unsere Rolle so: Wir sind jetzt noch jung genug, und wir sind gerade dabei, uns in den Schlüsselpositionen zu positionieren – in politischen Ämtern, in der Wissenschaft, oder auch in den Medien, in Medienhäusern; also in öffentlichkeitswirksamen Schlüsselstellen. Wir sind durch den Einfluss derjenigen, die nach uns kommen, politisiert worden. Das ist sozusagen rüber geschwappt zu uns. Wir nehmen die Power der Jüngeren, und wir nehmen deren Kraft und wir nehmen deren Wünsche und setzen das mit unseren Fähigkeiten und Kompetenzen in die Tat um. Ich denke, unsere Aufgabe ist es, das zu unterstützen und nicht in unserer Selbstfindungsphase zu ertrinken. Es geht nicht, sich nur auf sich selbst zu fokussieren, obwohl man eigentlich mitkriegen könnte, dass gerade so ein Erdbeben durch die Gesellschaft geht. Gerade, wenn man sich 24/7 mit dem Thema beschäftigt, fragt und sagt man sich: Darf ich denn jetzt noch XYZ machen? Und eigentlich könnte ich ja noch viel mehr machen! Aber ich glaube, dass es bei diesen Dingen gerade die Masse ausmacht. 

Rebecca Solnit hat mal sinngemäß geschrieben: Du brauchst keine Begründung, um das Richtige zu tun. Sondern du tust es, weil es richtig ist. Nicht, weil du am Ende etwas bekommst. Du tust es einfach, weil es das Richtige ist. Punkt. Das Gefühl, ein gutes Gewissen zu haben, wenn man das so benennen möchte, zeigt mir letzten Endes, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehe. Ich kann mich im Spiegel ansehen. Das ist für mich unfassbar wertvoll. Es ist so einfach, sich wieder zurückfallen zu lassen, nicht nachzudenken. Das ist einfach so scheiße bequem.

"Die Aura der Stadt, die Stimmung der Stadt wird dadurch einfach mitgeprägt. Das ist mehr so ein Gefühl als etwas Tatsächliches. Aber das Gefühl kann man auf jeden Fall greifen."​

Was macht Münster in Sachen Nachhaltigkeit
für dich besonders?

Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Es gibt auf der einen Seite super viele kleine Initiativen – auch an Ecken, an denen man nicht damit rechnet. Das wird gar nicht so groß plakatiert, dass Münster eine nachhaltige Stadt ist. Irgendwie läuft das im Untergrundrauschen die ganze Zeit mit. Auch die linke Öko-Szene ist sehr stark hier. Die Aura der Stadt, die Stimmung der Stadt wird dadurch einfach mitgeprägt. Das ist mehr so ein Gefühl als etwas Tatsächliches. Aber das Gefühl kann man auf jeden Fall greifen.

Welche Themen beschäftigen dich besonders?
Was ist dein besonderes Anliegen?

Mich beschäftigt auf der einen Seite das gesamte Leben, und wie man es nachhaltiger gestalten kann. Jetzt gerade beschäftigt mich die Frage nach der Schuld, also die Frage, ob das Individuum viel ändern muss und kann, indem es zum Beispiel keine Plastikverpackungen kauft. Da wird gesagt: Ja, wenn du das so willst, dann geh doch eben in den Ökoladen und kaufe eben keine Fast-Fashion mehr und stattdessen Second Hand oder Fair Fashion. Oder: Du kannst ja deine Ernährung von heute auf morgen umstellen. Das finde ich gut und wichtig, aber was mich stark beschäftigt, sind die Systeme dahinter: Wer wälzt da eigentlich Verantwortung auf das Individuum ab? Welche gesellschaftlichen und sozialen Prozesse werden damit einfach übergangen (Stichwort Soziale Gerechtigkeit zum Beispiel)? Auf welchem System fußt es eigentlich, dass wir so weit gekommen sind, dass wir uns jetzt so stark damit auseinandersetzen müssen und keine Zeit mehr haben. Stichworte sind da Kapitalismuskritik und Post-Wachstums-Ökonomie. Ich glaube, die Lösungen im Kleinen sind super wichtig. Zum Beispiel, dass H&M mittlerweile Einbußen hat, dass Pimkie Konkurs anmelden musste. Das sind ja auch Resultate von Einzelentscheidungen. Aber auf der gesellschaftlichen Ebene müssen sich auch Sachen verändern. Das wird mir noch zu wenig diskutiert im Moment. Das finde ich sehr wichtig.

Glaubst du, dass im Moment bzw. in Zukunft ein grundlegender Wandel der Gesellschaft/des Handelns
hin zu mehr Nachhaltigkeit stattfindet?

Ich finde immer so vermessen, da Prognosen zu geben. Aber ich glaube, dass ein fundamentaler Wandel stattfinden wird, ganz einfach, weil wir keine andere Möglichkeit haben. Auch Ökonomen werden es irgendwann erkennen. Nachhaltigkeit wird irgendwann so günstig sein, dass es sich lohnt, rein ökonomisch gesehen. Siehe Ökostrom, der sehr günstig wird, weil man ihn einfach so günstig produzieren kann. Aber auch ganz generell: Öl wird teurer werden, weil es weniger wird. Das sind grundlegende Marktgesetze.

Die andere Möglichkeit wäre: Aussterben. Das ist halt nicht so geil. Das erkennen immer mehr Menschen, das rollt seit den letzten zwei Jahren wie eine Welle durch die Gesellschaft. Und ich glaube nicht, dass das noch aufzuhalten ist. Immer mehr Menschen erkennen, dass wir keine zweite Option haben, außer nachhaltiger zu werden. Es ist die Frage, ob wir das noch rechtzeitig schaffen.

"Immer mehr Menschen erkennen, dass wir keine zweite Option haben, außer nachhaltiger zu werden. Es ist die Frage, ob wir das noch rechtzeitig schaffen."

Bist du DIESBEZÜGLICH GENERELL EHER
optimistisch oder EHER pessimistisch?

Das weiß ich noch nicht genau. Das ist schwierig. Ich habe manchmal hyperpessimistische Weltschmerzphasen, wo ich denke, dass alles nichts bringt, und dann ballert der IPCC den nächsten Bericht raus. Dann denke ich mir: Wow, danke. Eigentlich kann ich meine Arbeit aufgeben, im Buchhandel arbeiten und dann alles vergessen. Und dann gibt es auch wieder positive Nachrichten. Ich denke, ich bin optimistisch, denn sonst könnte ich meine Arbeit nicht machen. Grundsätzlich bin ich optimistisch, ich glaube auch an den Menschen und an das Gute. Ich habe ein sehr positives Menschenbild. Ich glaube, dass wir das Ruder rumreißen können.

Wir haben ja den Ansatz, dass jeder Anfang zählt.
Häufig haben wir jedoch schon erlebt, dass es einen gewissen sozialen Druck gibt, dass man selbst perfekt sein muss, wenn man sich FÜR DAS Thema NACHHALTIGKEIT einsetzt.
Wie erlebst du das? Wie ist deine Einstellung hierzu?

Es ist ein super komplexes Thema, ich arbeite mich da auch sehr dran ab, an diesem nachhaltig und perfekt sein, und daran, Imperfektes zuzulassen – auch mir selbst gegenüber. Man selbst ist ja immer ein sehr scharfer Kritiker. Generell überlegt und selektiert man sowieso vor, was man auf Instagram postet, aber ich habe häufig diese innere Hürde. Karten auf den Tisch: Ich lebe nicht hundert Prozent plastikfrei. Ich nehme mir immer vor, darüber zu stehen, für mehr Realität, und ich finde auch wichtig, dass Sehgewohnheiten in meiner Verantwortung liegen. Damit sich eben bei den Leuten auf der anderen Seite nicht der Druck aufbaut, dass sie denken: Die kriegt ihren Müll im Einmachglas hin und ich mit meinen drei Kindern und meinem Hund, wie soll ich das machen? Ich glaube, dass sich da unbewusst sehr stark bei den Leuten, die Ökofluencern folgen, ein Druck aufbaut, dass sie denken, sie müssten das alles auch erreichen können. Nach dem Motto „Wenn die das kann, warum kann ich das dann nicht und warum scheitere ich?“ Da sind wir wieder bei den übergeordneten Systemen, die es einem erschweren, absolut erschweren, nachhaltig zu leben. Ich zensiere mich selbst und daran arbeite ich tatsächlich auch. Ich merke auch, wenn ich mal etwas zulasse und zum Beispiel ein Bild poste, auf dem ein in Plastik eingepacktes Bonbon neben meiner Tasse liegt, dann bricht nicht gleich die Hölle los. Das erwähnt einfach keiner. Es liegt da und jeder sieht, dass es eingepackt ist, und ich denke mir: Oh mein Gott, gleich geht’s los! Aber es geht nicht los. Dann denke ich: Okay, die Leute denken doch mit, sie sind doch nett, sie sind auch einfach Menschen. Man hat natürlich immer Trolle. Ich kriege auch komische Nachrichten. Mary von Dariadaria hat zum Beispiel ihre Haare spenden lassen, und ein oder zwei Leute sind nachgezogen, und dann bekomme ich Nachrichten wie „Willst du nicht deine Haare spenden?“. Das finde ich total übergriffig und für mich ist das sogar ein Trigger, weil ich in meiner Kindheit nie lange Haare haben durfte. Ich habe ein sehr kompliziertes Verhältnis zu meiner Mutter. Das war immer ein Kampf. Deshalb: sensibles Thema. Ich bin da sehr offen: Ich hatte eine Essstörung, bei der mir die Haare ausgefallen sind. Das ganze Theater. Und dann kommt jemand um die Ecke, ohne nachzudenken, und fragt: „Willst du nicht deine Haare abschneiden und spenden?“. Ich habe das dann ignoriert und darauf kam die Nachricht: „Achso, so sozial und nachhaltig bist du dann wohl doch nicht.“ Da denke ich mir: Alter Schwede, denkst du eigentlich auch mal nach, bevor du schreibst? Solche Leute hat man aber immer. Das sollte eigentlich nicht zum Job gehören und es gehört auch nicht zum Job, damit umgehen zu müssen, aber letzten Endes muss man das, weil irgendwer immer blöd ankommt. Es sind aber Einzelfälle. Ich glaube, es kommt auch darauf an, wie man gewachsen ist. Ich bin sehr organisch gewachsen und ich bin damals direkt mit dem Thema Nachhaltigkeit angefangen. Die Followerschaft wusste ganz genau, was sie erwartet und was ich mache. Das ist immer relativ konsistent geblieben. Eine Luisa oder eine Maddy zum Beispiel, die haben eine große Menge an Followern. Außerdem haben sie irgendwann den großen 180-Grad-Turn gemacht. Sie sind super konventionell angefangen und haben dann irgendwann gesagt: Jetzt nicht mehr. Ich glaube, das ist das, was viele Leute vor den Kopf stößt. Sie sehen das als gefühlten Vorwurf. Diese beiden Faktoren gibt es bei mir nicht. Das macht ganz viel aus.

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